Rede von Ursula Schele anlässlich der Verleihung der Andreas-Gayk-Medaille

Ursula Schele
Ursula Schele

Datum: 21.1. 2016, 15 Uhr

Lieber Herr Tovar, lieber Herr Kämpfer,
sehr geehrte Damen und Herren der Kieler Ratsfraktionen,
liebe Gäste im Ratssaal und auf der Tribüne,

ich habe in meinem Leben schon viele Reden gehalten, aber zu diesem Anlass zu Ihnen zu sprechen ist ein ganz besonderer Moment. Dabei sollte es ja eigentlich ein echtes „Heimspiel“ sein, denn genau hier im Kieler Ratssaal habe ich meine ersten Reden gehalten.

Damals 1987 also vor fast 30 Jahren wurde „Kiel wachgerüttelt“. Drei junge Frauen, Alexandra Schlie, Dorothee Friedrichs und Nicole Struck waren von drei unterschiedlichen Tätern im öffentlichen Raum kurz nacheinander vergewaltigt und ermordet worden.  Das löste damals Entsetzen und Ängste, aus. Und, weit wichtiger, es führte zu Konsequenzen.

Der Frauen – Notruf machte eine viel beachtete, stadtweite Hauswurfsendung, wir gingen gemeinsam mit hunderten Frauen und einigen Männern auf die Straße und forderten für alle Frauen mehr Sicherheit und „die Nacht zurück“.

Nachdem zuvor bereits drei Frauen im Prostitutionsumfeld – von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – ermordet worden waren, wurde es Zeit zu Handeln. Der Notruf konnte damals ein Frauennachttaxi durchsetzen, hatte die nötige mediale Aufmerksamkeit, die breite Unterstützung der Kieler Ratsversammlung und der Verwaltung.

So begann damals mit fünf vollen Stellen endlich die professionelle Beratungs- und Therapiearbeit für Betroffene von Missbrauch und sexueller Gewalt.

Heute sind es im Kieler Frauennotruf gerade einmal 2,45 Stellen, die für die Arbeit in Kiel finanziert werden können und das bei stetig steigenden Anfragen. Nicht erst seit „Köln“ berät der Kieler Notruf pro Jahr über 1000 Gewaltopfer und leistet über 3000 Beratungen. Für diejenigen, die in den letzten Tagen im Ersten „Operation Zucker“ und die „Jagdgesellschaft“ gesehen haben: Exakt solche unglaublich erschütternden Fälle organisierter Kinderprostitution gab und gibt es auch in Kiel. …Das ist schwer auszuhalten.

Ich bin als letzte aus dem damaligen Team noch dabei und ich möchte an dieser Stelle allen haupt- und ehrenamtlichen Kolleginnen und Vorstandsfrauen ganz herzlich danken, dass wir diesen Weg gemeinsam so engagiert und solidarisch gegangen sind.

Und ich danke auch Ihnen, denn Sie begleiten unsere Arbeit im Rat und in der Verwaltung ebenfalls seit vielen Jahren.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Nach dem heutigen offiziellen Festakt lädt der Frauennotruf alle Wegbegleiterinnen und Begleiter zu einem kleinen Empfang in unsere schönen Räume ein.

Der Einladung vorangestellt ist ein Zitat von Margret Mead, das auch für die allermeisten hier im Ratssaal gilt.

„Zweifle nie daran, dass einige wenige engagierte Menschen die Welt verändern können. Nichts anderes hat sie je verändert!“

Was sind aber denn nun die konkreten Veränderungen?

Als Vorstandsfrau im bff, dem Bundesverein der Frauennotrufe, bin ich häufiger in Berlin und der ganzen Republik unterwegs. Daher erlebe ich es immer wieder, dass Kolleginnen und Kollegen voller Anerkennung – und sogar manchmal ein wenig neidisch – nach Kiel und Schleswig-Holstein blicken.

Denn Kiel war ein Ausgangspunkt für etliche Gesetzesänderungen, Verfahrensverbesserungen und Projekte, die in ganz Schleswig-Holstein und im Laufe der Jahre auch bundesweit für einen verbesserten Opferschutz gesorgt haben. Unsere Kieler Impulse reichten bis nach Bonn, später nach Berlin.

So z.B. die Strafbarkeit der ehelichen Vergewaltigung und des Missbrauchs in der Therapie, das Kieler Interventionskonzept KIK und das ZBP, das Zeuginnen-Begleitprogramm, das 2015 zu einer gesetzlichen Aufgabe wurde, sowie die Frauen-Helpline, die mittlerweile ein bundesweites Angebot ist, bei dem Gewaltopfer 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag erste Informationen und Vermittlung von Hilfen erhalten.

Unsere Arbeit beschränkt sich nicht auf Beratung und Begleitung für erwachsene Betroffene von sexualisierter Gewalt. Seit 1989 sind wir zusätzlich im Bereich der Prävention aktiv. Wir setzen mit dem PETZE-Präventionsbüro und später auch mit dem PETZE-Institut für Gewaltprävention auf die Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Besonders gut sichtbar sind die fünf bewährten PETZE- Präventions-ausstellungen, die unter Labels wie „Echt Klasse“, „Echt Stark“ usw. durch den Norden, ganz Deutschland, die Schweiz und sogar bis nach Mosambik gewandert sind.

Jährlich lernen so etwa 80.000 Kinder und Jugendliche, welche Rechte sie haben, wie sie sich gegen Übergriffe schützen können und dass sie, das ist das Wichtigste, „das Wertvollste auf der Welt“ sind.

Hier ist er dann auch endlich, der echte Bezug zu Andreas Gayk.

In meinem ersten Beruf war ich Geschichtslehrerin und habe Folgendes entdeckt.  Bei der Lektüre der Verdienste des ersten Kieler Nachkriegsbürgermeisters ist mir das Herz aufgegangen.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, ich habe in meinem Leben immer zwei, drei Frauen im Blick gehabt, die Vorbilder für mich waren. Der Mann Andreas Gayk hätte auch so ein Vorbild sein können.

In seinem Todesjahr bin ich in der Nähe von Gorleben geboren und so sind mir eher Widerstand und Aufbruch als die Bomben der Kriegsjahre in die Wiege gelegt worden.

Die Themen Krieg, Flucht und Gerechtigkeit haben mich mein Leben lang begleitet. Als Schülerin und später als Lehrerin war mein Credo der am Häufigsten genutzte Poesiespruch von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man – und hier ergänze ich frau – tut es.“

In allen Bereichen, die mich bewegt haben, hat Andreas Gayk als einer der Väter des Grundgesetzes Großartiges geleistet.

Am meisten berührt hat mich sein Engagement für die „Kinderrepublik Seekamp“ im Jahr 1927.  Weil es dort viele Parallelen zur Arbeit der PETZE gibt hier ein gekürztes Zitat:

„Ein allgemein akzeptiertes Ziel war, …, dass die Kinder … im Sinn von Humanität und Aufklärung erzogen werden. … So war die koedukative Erziehung ein ebenso wichtiges Prinzip wie die gegen eine religiöse Erziehung gerichtete Betonung der Weltlichkeit, wobei allerdings geleichzeitig die Notwendigkeit von Toleranz gegenüber religiösen Überzeugungen anderer betont wurde. Man erstrebte eine Aufklärung in sexuellen Fragen und war in deutlicher Abgrenzung vom allgemeinen „Zeitgeist“ bemüht … die Kinder gegen Krieg und … nationalistisches Gedankengut zu immunisieren.“

Was rechtes Gedankengut, patriarchale Gewaltstrukturen und Nationalsozialismus aus diesen – auch durchaus feministischen Ansätzen gemacht haben –  ist ja weltweit bekannt und im Nachkriegs-Kiel Gayks, als die Stadt in Trümmern lag, auch deutlich sichtbar gewesen.

Daher freut es mich besonders, dass „mein“ Frauennotruf gemeinsam mit anderen Aktiven am 1. März eine Fachtagung zum Thema „Transgenerationelle Weitergabe von Traumata“ im Kieler Landeshaus durchführt. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

Das Thema ist aktuell wie nie, und an Sylvester ist es in Köln und in einigen anderen Städten sehr sichtbar geworden. Kiel ist keine Insel der Seligen, und umso wichtiger ist mir, wieder die Basis unseres lang erkämpften gesellschaftlichen Konsenses in Erinnerung zu rufen:

Ein „Nein“ ist ein „Nein“.

Sexismus, sexualisierte Übergriffe oder sogar Missbrauch und sexuelle Gewalt kennen sehr viele Mädchen und Frauen aber auch Jungen und Männer – in Kiel, in Syrien und weltweit.

In aller Regel werden die Übergriffe durch Männer und genau da begangen, wo sich die Betroffenen sicher fühlen:

In der Familie, dem sozialen Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Einrichtung, der Kirche oder im Verein.

Hierzu haben wir viel gearbeitet, und Deutschland hat gute Gesetze und stellenweise Hilfestrukturen gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch im sozialen Umfeld.

Finden Anmache, Übergriffe oder sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum durch Fremde, deutsche oder ausländische Männer statt, gibt es dagegen nach aktueller Rechtlage kaum ein Mittel. Die Praxis vor Gericht zeigt zudem, dass bei allen Sexualstraftaten dringender Reformbedarf besteht.

Bei den Demos vor 30 Jahren forderten wir eine „Ausgangssperre für Männer nach Einbruch der Dunkelheit“. Das war schon damals eher eine Provokation, als eine Lösung.

Aber das Letzte, was wir jetzt brauchen ist Populismus, Generalverdacht, Instrumentalisierung des Themas durch die Rechten oder politische Schnellschüsse und fix durchgewinkte Gesetze.

Ein NEIN muss ein NEIN sein und von allen akzeptiert werden, egal ob Vater, Nachbarin, Trainer, Onkel, Verwandter, Fremder, Ehemann oder Freund.

Sie als Politikerinnen und Politiker, aber auch Verwaltung und Zivilgesellschaft arbeiten täglich daran, den hohen Ansprüchen, die unser Grundgesetz stellt, gerecht zu werden. Dass genau das in Kiel so relativ gut gelingt, dafür danke ich Ihnen allen von ganzem Herzen.

Andrea Gayk war Sozialist und Sozialdemokrat, ich bin nach einem sehr kurzen jugendlichen Intermezzo in Willy Brandts SPD parteilos, bin Feministin und stehe für soziale Arbeit, Gendergerechtigkeit und Opferschutz. Ich fand das folgende Zitat von Rosa Luxemburg passend, um es ins Gästebuch der Stadt Kiel zu schreiben:

„Wer Veränderungen will, muss selber damit beginnen. Eine bessere Welt wird uns von niemandem geschenkt.“

Liebe Vertreterinnen und Vertreter der Kieler Ratsfraktion.

Ich danke Ihnen sehr für die Auszeichnung und möchte Ihnen vorschlagen, nach Jens Rönnau und mir, jetzt das bewährte „grüne“ Reißverschlussprinzip bei der Vergabe der Andreas Gayk Medaille einzuführen.  Es wäre meines Erachtens eine wichtige Botschaft, wenn Frauen künftig bei Ehrungen genauso bedacht würden wie Männer. Frauen machen sich anders um unsere Gesellschaft verdient als Männer, aber doch nicht weniger!!!

Meine Kolleginnen und ich setzen weiter auf Ihre wichtige Unterstützung. Wir wünschen uns bedarfsgerechte Verträge für den Frauennotruf, für die Fachberatung von TIO und die anderen Facheinrichtungen. Die Auszeichnung mit der Andreas-Gayk-Medaille ist eine große Ehre. Sie ist für mich und für meine Kolleginnen im Notruf und in der Petze ein wichtiges Symbol dafür, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder in Kiel nicht hingenommen wird und dass die Landeshauptstadt unseren Einsatz für dieses wichtige Thema wahrnimmt und hochschätzt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.